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Umwelt

Politlunch Thun: Erfordert der Klimawandel Wachstumsgrenzen?

Warum Wachstum nicht alles ist

 

«Ohne Wirtschaftswachstum gerät unser System ins Wanken und in existenzielle Krisen», betonte Irmi Seidl. Am Politlunch von EVP, EDU und CVP im Restaurant Rathaus votierte die Umweltwissenschaftlerin gegen den massiven Ressourcenverschleiss und präsentierte Ansätze zu einem nachhaltigen Umbau des Arbeits- und Steuersystems.

 

«So kann es nicht weitergehen! Aber wie soll es weitergehen?» Stadtrat Alois Studerus (CVP) brachte die Problematik in seinem Eingangsvotum auf den Punkt. Und lieferte der promovierten Umweltökonomin Irmi Seidl eine Steilvorlage für ihr ansprechendes Referat von 45 Minuten. Seidl leitet seit 15 Jahren die Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

 

Entkoppelung als «Zauberwort»

«Die naturwissenschaftlichen Fakten sprechen eine klare Sprache», betonte Irmi Seidl vor rund 40 Personen. So sei etwa die Konzentration von Kohlendioxid seit 1950 massiv gestiegen. So könne es nicht weitergehen, meinte Seidl. Und gab gleich eine partielle Entwarnung: «Infolge der vielen Effizienzmassnahmen stehen wir im Energiebereich gar nicht so schlecht da.»



Handlungsbedarf sieht die Umweltwissenschaftlerin jedoch in den Bereichen Treibhausgas-Fussabdruck, Materialeffizienz, Effizienz bei Siedlungsabfällen. Das «Zauberwort» heisst Entkoppelung. Diese sei jedoch nur mit einem Umdenken möglich. Denn: «Entkopplung findet nicht ausreichend statt, weil Wachstum Effizienzgewinne zunichtemacht. Wachstum ist politisch und ökonomisch gewollt.» Reines Wachstumsstreben verhindere eine sinnvolle Umweltpolitik. Bereiche wie Arbeitsmarkt, Alterssicherung, Gesundheitswesen oder Konsum seien auf Wirtschaftswachstum angewiesen. Ideal wäre jedoch ein Wachstum ohne übermässigen Umweltverbrauch. Ziel müsse ein Umbau sämtlicher Systeme sein, mit dem Erhalt der sozialen Errungenschaften der letzten 50 Jahre.

 

Ziel: Win-win für alle

Wie können die erwähnten Ansätze in die Praxis transferiert werden? Seidl plädierte für ein breiteresVerständnis von Arbeit, das auch Selbstversorgung, Freiwilligenarbeit und andere Formen der Nicht-Erwerbsarbeit einschliesst. Während Arbeitszeit und Arbeitsbesteuerung reduziert werden sollten, müssten Energie und Ressourcen stärker besteuert werden. Im Bereich Alterssicherung könnte die Mitfinanzierung der AHV durch MwSt, Erbschaftssteuer, Energiesteuer, Kapitalsteuer und den Ausbau des Umlageverfahrens geprüft werden, im Bereich Freiwilligenarbeit mit adäquatem Versicherungsschutz. Nötig seien auch neue Generationenverträge mit der Förderung von Ehrenamt, Sozialzeit und Intergenerationenprojekte, mit mehr Eigenverantwortlichkeit und einem flexibler Altersrücktritt.

Das bedeute nur zum Teil Verzicht. «Wir können nur gewinnen, etwa durch gesündere Böden, weniger Luftverschmutzung, mehr Lebensqualität», zeigte sich die Referentin überzeugt. Jedoch: «Wenn wir nicht jetzt auf manches verzichten, werden wir in Zukunft auf noch viel mehr verzichten müssen.»

Ein Umbau sei möglich und würde letztlich alle Beteiligten zu Gewinnern machen. «Wirtschaftswachstum macht viele Anstrengungen für Umweltschutz zunichte. Wir haben viel zu gewinnen, wenn wir wirksamen Klima und Umweltschutz betreiben!»

Eine Politik machen, die der Gesellschaft dient: Dies bleibt das Ziel der drei organisierenden Parteien CVP, EDU und EVP.

Der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz, die Gemeinderatsmitglieder Andrea de Meuron und Konrad Hädener, die Spiezer Gemeindepräsidentin Jolanda Brunner, diverse Exekutivmitglieder aus umliegenden Gemeinden und die Grossräte Melanie Beutler und Marc Jost gaben dem Anlass einen sympathischen prominenten Touch.

 

 

Bericht und Foto von:

Thomas Feuz

Burgackerweg 9,  3629 Jaberg

079 411 00 10 | 031 781 27 00 | thom.feuz@bluewin.ch


Klimadebatte im Stadtrat

CVP bringt 12 Vorschläge zur Verminderung des CO2– Ausstosses vor:


Alle Massnahmen sollten der demokratisch legitimierten Energiestrategie 2050 folgen bzw. deren Umsetzung unterstützen. Das Stimmvolk hat diese Zielrichtung abgesegnet. Die Stadt kann durchaus in ihrem Bereich zur Umsetzung etwas beitragen.


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  • Die Stadt sucht das Gespräch mit der STI: STI-Busse sollen weniger stark gekühlt/geheizt werden und die Umstellung der Flotte auf alternative Energieträger (z.B. Wasserstoff, Hybrid) ist zu prüfen.
  • Die Stadt sucht das Gespräch mit Energie Thun über die Möglichkeiten der weiteren Gewinnung von Wärme aus Seewasser (Wärmepumpe). Es wird bereits im Strandbad Thun angewandt.
  • Die Nutzung von nachhaltigeren Energieträgern (Gas, Wasserstoff, Batteriebetrieb) bei Kommunalfahrzeugen und -maschinen prüfen, dort wo es sinnvoll und möglich ist.
  • Bei Verwaltungsgebäuden prüfen, dass diese auf mind. auf MuKEn 2014 oder höher gebracht werden (und die Heizung ein Grad runterdrehen).
  • Nachhaltigkeit in der Verwaltung und im Stadtrat verstärken: Vermeidung von Plastik und unnötigem Papierverbrauch.
  • Gespräch mit IGT / Thuner Gewerbe suchen, damit Plastik und unnötige Verpackungen verschwinden.
  • Begrünung innerhalb der Stadt anpassen / Grünflächen vergrössern: Wirkt einem Hitzestau entgegen (vgl. BAFU http://bit.ly72Mdvjrw).
  • Bei Neubauprojekten und deren Baugesuchen verstärkt ein Augenmerk auf möglichst technikbefreite (ohne Klimaanlagen, wenn möglich & vor allem passiver Wärmeschutz!) Bauten achten. Allenfalls ist dies auch im Baureglement einfliessen zu lassen.
  • Öffentliche Mülleimer durch Recyclingstationen ersetzen (analog SBB).
  • Betreffend Foodwaste: Die Stadt soll die Grossverteiler dazu animieren, die nichtverkaufte Ware zum Gratisabholen bereit zu stellen.
  • Förderung des Langsamverkehrs (Velo, Fussgänger) und öffentlichen Verkehrs
  • Förderung der Fernwärme.


Für die Möglichkeit der Mitwirkung danken wir und tragen diese Vorschläge auch in der politischen Debatte mit.

CVP Thun, 14.8.2019


Die 12 Vorschläge gibt es als PDF zum Download hier.


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